Naturschutzgebiet Schmiechener See


Der Schmiechener See

Eines der bemerkenswertesten Naturschutzgebiete Baden Württembergs


Der Schmiechener See bei Mittelwasser im September 1999 (Bild: Willi Bosch)

Der Schmiechener See: Leben zwischen Hochwasser und Austrocknung

Autor: Dr. Joachim Kuhn

Obwohl nur 50 ha groß ist der Schmiechener See eines der bemerkenswertesten Naturschutzgebiete Baden-Württembergs und dies nicht allein wegen seiner Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch mit Blick auf die Geologie und Hydrologie.
Als "astatischer Flachsee" repräsentiert er einen in Mitteleuropa sehr seltenen Gewässertyp und ist deshalb international bedeutsam.

Der See bei Hochwasser (Bild: Willi Bosch Sept. 1999


Der Schmiechener See liegt in einer bis zu 35 m mächtigen Seeton- und -mergelschicht in einem Mäander des eiszeitlichen Ur-Donautales. Das flache Gewässer wird nicht, wie man früher angenommen hat, von Karstwasser gespeist, sondern einerseits von Oberflächenwasser das aus dem Siegentalzufließt, anderseits direkt vom Niederschlag.
Ein oberirdischer Abfluss existiert nicht. Der Wasserstand schwankt außergewöhnlichstark und ohne Regelmäßigkeit; weite Teile fallen zeitweise trocken.Schneeschmelze und ergiebige Landregen, lassen den See anschwellen; er ist dann an der tiefsten Stelle etwas über 2 m tief und bedeckt ca. 50 ha, bei extremem Hochwasser kann er auf über 75 ha anwachsen.

Der "Sai", wie der Schmiechener See von den Einheimischen genannt wird, ist die meiste Zeit mehr Sumpf als See. Freie Wasserflächen gibt es nur wenige, der überwiegende Teil ist von Großseggenrieden, Röhrichten und zunehmend von Weidengebüschen bewachsen. Die zeitweise überschwemmten Randbereiche, die noch vor wenigen Jahrzehnten als Äcker und Futterwiesen bewirtschaftet wurden, sind besonders vielfältige Lebensräume, deren Bewuchs von Jahr zu Jahr wechseln kann. Vor allem die Kammseggen-Sumpfwiesen und die Schlammböden wechselnasser Ackerbrachen sind gespickt mit ausgesprochenen Raritäten.

Ein Zwergtaucher auf dem Nest. Auf dem
Rücken des Altvogels sitzt ein Küken. Als
Brutgebiet von bis zu 70 Paaren hat der "See"
nationale Bedeutung für diese Vogelart.
(Bild: Robert Lenz
)

198 Vogelarten wurden am Schmiechener See
schon beobachtet, 52 davon als Brutvögel
Für Zwergtaucher, Krickente, Knäkente und
Tüpfelsumpfhuhn zählt der See zu den
wichtigsten Brutgebieten in Baden-Württemberg.
Manche Sumpfbrüter erreichen im Schmiechener
See die höchsten überhaupt bekannten
Siedlungsdichten. In den letzten 15 Jahren
ist die Brutvögelfauna allerdings erheblich
ärmer geworden. Einst kennzeichnende Arten
haben nicht mehr gebrütet - so die Bekassine,
die früher derart zahlreich vorkam, dass sie den
Ansässigen wegen der meckernden Geräusche
beim Balzflug als "Saimäggler" bekannt war.

Die Amphibien sind mit acht Arten vertreten, drei weitere sind verschwunden.

Ein lockrufendes Laubfroschmännchen.
(Bild. Thomas Rohrbach)

Die Bestände mehrerer Froschlurche sind auch heute noch die
größten der Region und weit darüber hinaus.
Eine Reihe bundesweit bedrohter Libellenarten
kommt in großen, überregional wirksamen
"Spender" -Populationen vor. Über ein Viertel
der festgestellten 42 Libellenarten haben
mediterrane Verbreitungsschwerpunkte

Ungeachtet der zeitweiligen Austrocknung
leben mindestens 21 Wassermollusken
(Wasserschnecken und Muscheln) im "See",
dazu etliche feuchtebedürftige Landschneckenarten.
Wegen der extremen Wasserspiegelschwankungen ist die wasserlebende Kleintierfauna hochspezifisch
mit zahlreichen Kostbarkeiten.

Ein junges, noch nicht ausgefärbtes
Männchen der gefleckten Heidelibelle
(Sympetrum flaveolum). Die zeitweilig
überschwemmten Randbereiche des
Schmiechener Sees beherbergen eine
der größten süddeutschen Populationen
dieser Art.
Die winterliche Trockenphase wird im
Ei überdauert. (Bild: Jochen Müller)

Auch die Pilzflora zeichnet sich durch hochkarätige Seltenheiten aus. Die Liste der Farn- und Blütenpflanzen umfasst 333 Arten. Darunter sind arealkundlich interessante Stromtalpflanzen und Glazialrelikte.

Am Schmiechener See konnte sich ein stattlicher
Bestand des landesweit vom Aussterben bedrohten
Knoblauchgamanders (Teucrium scordium) halten.
Die Art ist auf die regelmäßige Mahd der
Kammseggen-Sumpfwiesen angewiesen.
(Bild: Eugen Rapp)

Der Schmiechener See
ist der einzige Wuchsort des Weiherveilchens
(Viola persicifolia) und der Teichbinse
(Schoenoplectus supinus) in Württemberg.
Besonders bedeutsam sind auch Vorkommen
des Knoblauchgamanders (Teucrium scordium)
und des schmalblättrigen Laichkrauts
(Potamegeton x zizii). Von mindestens
einer Art - der kugelfrüchtigen Binse (Junkus
sphaerocarpus) - lebt die weltweit wohl
größte Population am Schmiechener See.
Deutschland ist in ganz besonderem Maß
für die Erhaltung dieser Art verantwortlich.
43 Gefäßpflanzen stehen auf den Roten
Listen der gefährdeten Arten Baden-Württembergs
und / oder Deutschlands. Einige dieser Rote-
Listen-Arten sind am Schmiechener See allerdings
bereits ausgestorben.

Das Schlammkraut (Limosella aquatica), ein Spezialist offener Schlammböden, wie sie durch Gelegentlichen Umbruch brachgefallener ehemaliger Äcker entstehen.

(Bild: Eugen Rapp)

Der Schmiechener See hat auch heute noch eine sehr hohe Bedeutung für den Naturschutz, die aber nur durch fachgerechte Lebensraumpflege und Lebensraumentwicklung erhalten werden kann.

Tipp: Wanderungen zum Schmiechener See beginnen am besten am Parkplatz bei den Schmiechener Sportanlagen. Die beste Zeit für Vogelbeobachtungen liegt zwischen Mitte April und Anfang Juni. Aber auch alle anderen Monate sind gut für Überraschungen - besonders in nassen Jahren, wenn der Sai ein See ist.

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